Jürgen Kuczynski (17.09.1904 – 06.08.1997)

14. September 2019

Viele kennen ihn als außerordentlich produktiven Wirtschaftswissenschaftler und Historiker, mehrfach nominiert für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (zuletzt 1988), als »letzten Universalgelehrten der deutschen Sozialwissenschaften«, als Weltenbürger, bekennenden Marxisten, »hoffnungslosen Optimisten und linientreuen Dissidenten« (Selbstbeschreibung), als streitbaren Denker, Briefeschreiber an seine Urenkel und Autoren witziger Anekdoten, auch als Politiker und »Deutschen jüdischer Herkunft« – Jürgen Kuczynski (17.09.1904 – 06.08.1997). Vergleichsweise selten wird über ihn als einen Antifaschisten gesprochen.

Seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit während der Weimarer Republik war eng mit dem auf die Verhinderung des Faschismus und eines neuen Krieges gerichteten politischen Kampf der KPD verbunden, deren Mitglied er 1930 geworden war. Er arbeitete in deren Informationsabteilung und als Redakteur der »Roten Fahne«, half antifaschistische Demonstrationen zu organisieren, erarbeitete wirtschaftspolitische Analysen, auch für die sowjetische Botschaft.

J. K. und seine Frau entschlossen sich im Februar/ März 1933, den Eltern nicht in die Emigration zu folgen, sondern sich am antifaschistischen Widerstand in Deutschland zu beteiligen. Es folgten fast drei Jahre zunächst noch legaler, dann illegaler Arbeit, angefüllt mit analytischer Arbeit zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Lande für die Reichsleitung der KPD, sowjetische Institutionen und eigene Veröffentlichungen, mit der Herstellung von Propagandamaterial, dem Verfassen von Zeitungsartikeln, immer wieder bedroht von Hausdurchsuchungen und Inhaftierung. In diese Zeit fiel aber auch eine Reise in die Sowjetunion (1935), die bestehende wissenschaftliche und politische Kontakte zu sowjetischen Institutionen vertiefen half.

Schließlich wurde im Januar 1936 eine Emigration unumgänglich. Das Ziel: England. Hier setzte J.K. seine antifaschistische Arbeit unmittelbar fort. Als Politischer Leiter organisierte er den Zusammenhalt und die Arbeit der Genossen vor Ort, unterhielt regelmäßige Kontakte zur Parteiführung in Paris, traf sich dort auch mit anderen deutschen Emigranten zum Gedankenaustausch. Als international bereits bekannter Wissenschaftler war es ihm möglich, im Rahmen der Volksfrontpolitik Verbindungen zu sozialdemokratischen Gruppen in England, Gewerkschaftsorganisationen, der aus Vertretern unterschiedlicher bürgerlicher Schichten gebildeten »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler« und dem von der Kommunistischen Partei initiierten, aber überparteilich wirkenden »Freien Deutschen Kulturbund«, einer Vereinigung emigrierter Kunstschaffender, herzustellen und auch deren Arbeit publizistisch und durch Vorträge zu unterstützen.

Kuczynski arbeitete für den Freiheitssender 29,8, für den er dank seiner internationalen Kontakte auch finanzielle Mittel beschaffte. Er unterstützte politisch die Gruppe um Winston Churchill, die im Unterschied zu anderen Interessengruppen innerhalb der englischen herrschenden Klasse konträr zum Hitler-Regime stand. Nach Ausbruch des Krieges interniert, führte er auch unter diesen Bedingungen seine politische Arbeit unter den internierten deutschen Nazi-Anhängern fort. Er kam durch Intervention amerikanischer Prominenter frei.

1942 meldete sich der als »Atom-Spion« bekanntgewordene Klaus Fuchs aus der Schweiz kommend bei Kuczynski und berichtete von der Arbeit an der neuen verheerenden Waffe. J.K. stellte daraufhin den Kontakt zu seiner Schwester (Ruth Werner) her, die für den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion arbeitete.

Ende 1944 zog die US-Regierung pragmatisch Experten zusammen, unabhängig von deren politischen Bekenntnissen. Das KPD-Mitglied -Kuczynski landete so im Range eines Oberst beim United States Strategic Bombing Survey, beauftragt mit der Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen der alliierten Bombenangriffe und der Aufklärung der Rüstungsproduktion Deutschlands, unter anderem durch Sicherstellung entsprechender Dokumente in Deutschland, wo er noch vor Kriegsende zum Einsatz kam. In Heidelberg nahm er persönlich den I.G.-Farben-Chef Hermann Schmitz fest.

Nach der Befreiung beteiligte sich J.K. sofort am antifaschistischen Wiederaufbau – im Juli 1945 hatte ihn der Chef der SMAD zum Präsidenten der Zentralverwaltung für Finanzen ernannt (wovon er auf der Rückfahrt nach London über den Berliner Rundfunk erfuhr).

Für den Nebenkläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1964, F. K. Kaul, erarbeitete J.K. ein Gutachten über das Zusammenwirken von SS und I.G. Farben beim Aufbau und Betrieb dieses Massenvernichtungslagers und die treibende Rolle des Chemiekonzerns. Das Gutachten wurde seinerzeit mit der Begründung nicht zugelassen, als »von der Sowjetischen Besatzungszone bezahlter Professor« bewege er sich innerhalb der »Grundsätze der kommunistischen SED«, seine wissenschaftliche Methode sei für die Bundesrepublik suspekt.

Viele seiner Bücher und anderen Publikationen unterschrieb er mit einem Hinweis auf seinen Wohnort: Berlin-Weißensee, Parkstraße 94. Dort lebte und arbeitete er seit 1950 bis zu seinem Tode. Und dort in der Nähe trägt dank des beharrlichen Ringens einer Bürgerinitiative unter Beteiligung der VVN-BdA, ehemaliger Schüler, Mitarbeiter und Wissenschaftskollegen seit 2015 eine kleine Parkanlage seinen Namen,

Text erschienen in „antifa“ September/Oktober 2014

Der zweite Sonntag im September – „Tag der Opfer des Faschismus“

3. September 2019

Gedenkstein_Friedhof_RoelckestraßeAls 1945 die Jahrestage der Ermordung Ernst Thälmanns, Rudolf Breitscheids und der Widerstandskämpfer des 20. Juli bevorstanden, ergriffen ehemalige politische Häftlinge die Initiative zur Begründung eines Gedenktages. Aus diesem Anlass wandte sich der Berliner »Hauptausschuss Opfer des Faschismus« am 3. August 1945 an den Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner. Der Berliner Magistrat nahm sich dieses Anliegens an und rief erstmals für den 9. September 1945 zum »Tag der Opfer des Faschismus« auf. Es war der DER ZWEITE SONNTAG IM SEPTEMBER. Eine Tradition war begründet, nach 1989 fortgeführt mit dem Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung (zu seiner Geschichte hier entlang).

Wir treffen uns bereits am
Freitag, dem 6. September, 17.30 Uhr
zu unserem traditionellen kleinen
Gedenkmeeting,
diesmal
am Gedenkstein für Frieda Seidlitz, Berthold Manzke und Else Jahn
auf dem Städtischen Friedhof Weißensee
,
Eingang Roelckestraße 48-51, 13086 Berlin

Bringt Blumen mit.

1. September – Weltfriedenstag – Antikriegstag

20. August 2019

Am 1. September 1939 überfiel das faschistische Deutschland Polen. Dieses Datum markiert den Beginn des
2. Weltkrieges in Europa. Die Berliner VVN-BdA erinnert vom 31. August bis zum 8. September 2019 mit Aktionstagen gegen Neofaschismus & Militarisierung daran und an die Opfer des deutschen Faschismus.

Der Aufruf und die Veranstaltungsübersicht sind hier zu finden >>>

Programmflyer >>>


 
Samstag, 31. August 2019 | 18.00 Uhr
Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin) | „Der Fall Gleiwitz“ | Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages des Überfalls auf Polen am 1. September 1939 und des 110. Geburtstags von Kurt Schwaen, Komponist der Filmmusik „Der Fall Gleiwitz“

Sonntag, 1. September 2019 | 14.00 – 16.00 Uhr
„Wach auf, es ist Krieg“ | Antifaschistische Kundgebung zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen am Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten | Zur Pressemitteilung >>>

Sonntag, 8. September 2019 | Tag der Erinnerung, Mahnung & Begegnung
11.00 Uhr | Auftaktkundgebung: Rechter Terror in Berlin – Untersuchungs-
ausschuss jetzt! | Hufeisensiedlung Neukölln (Fritz-Reuter-Allee 46, 12359 Berlin, U7 Blaschkoallee). Daran anschließend: Antifaschistischer Fahrrad-Korso entlang an Orten von Verfolgung und Widerstand 1933-1945 | Im Andenken an Heinz Kapelle, hingerichtet am 1. Juli 1941 in Plötzensee, weil er im September 1939 Flugblätter gegen den Krieg verbreitete | Ab 14.00 Uhr | Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung im Jugendkulturzentrum Königstadt | Saarbrücker Straße 23, 10405 Berlin – U2 Senefelder Platz)


 
Auch die Friedenskoordination Berlin nimmt den Jahrestag zum Anlass für eine Friedensmanifestation: 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges kann es nur heißen: Kriege und Kriegstreiberei beenden! Abrüsten statt aufrüsten!


 


 

Vor 74 Jahren: Hiroshima und Nagasaki mahnen

29. Juli 2019

Plakat - 1945 bis 2019 - 74 Jahre Hiroshima und Nagasaki

Häftling 174 517

20. Juli 2019

174 517 – das ist die Nummer, die dem Häftling Primo Levi in Auschwitz auf den linken Unterarm tätowiert wurde.

„Weder rühme ich mich noch schäme ich mich ihrer, weder zeige ich sie vor, noch verberge ich sie. Ich zeige sie nur ungern dem, der mich aus reiner Neugier darum bittet, aber bedenkenlos und zornig der, der behauptet, er könne es nicht glauben. Junge Menschen fragen mich häufig, warum ich sie mir nicht wegmachen lasse, und das versetzt mich in Staunen: warum sollte ich? Wir sind nicht viel auf der Welt, die dieses Zeichen tragen.“

Vor 100 Jahren, am 31. Juli 1919 wurde der italienische Chemiker, Schriftsteller und Auschwitz-Überlebende Primo Levi in Turin als Sohn liberal-jüdischer Eltern geboren. Nach dem Besuch eines humanistischen Gymnasiums schrieb er sich 1937 an der dortigen Universität für das Fach Chemie ein. Obwohl die 1938 in Italien erlassenen Rassegesetze Juden vielerlei Beschränkungen auferlegten, gelang es Levi, sein Studium 1941 abzuschließen. Da das Abschlusszeugnis jedoch den Vermerk „von jüdischer Rasse“ enthielt, fand er zunächst keine Anstellung, arbeitete dann in den Forschungsabteilungen einer Asbestmine und später eines Schweizer Pharmakonzerns in Mailand.

Im Herbst 1943 versuchte Primo Levi sich einer Partisanengruppe anzuschließen, geriet jedoch kurz darauf in Gefangenschaft und kam in das für Juden eingerichtete Konzentrationslager Fossoli bei Modena, von wo aus er im Februar 1944 nach Auschwitz-Monowitz verbracht wurde und bis Januar 1945 Zwangsarbeit für die IG Farben im sogenannten Chemie-Kommando leisten musste. Er entging den berüchtigten Todesmärschen, weil er, an Scharlach erkrankt, im Krankenbau lag, als die Rote Armee eintraf.

Nach seiner Befreiung und einer zehn Monate dauernden Odyssee durch mehrere europäische Länder kehrte Primo Levi im Oktober 1945 nach Turin zurück. Beschrieben wird diese Odyssee in dem Dokumentarfilm „La strada di Levi“ des Italieners Davide Ferrario aus dem Jahr 2006. Er arbeitete als Laborchemiker in der Industrie und schrieb nebenbei, bevor sich ab 1977 ganz dem Schreiben widmete. Weltweit bekannt wurde Levi vor allem mit seinem Buch „Ist das ein Mensch?“ (1947), in dem er auf eindringliche Weise seinen elfmonatigen Überlebenskampf in Auschwitz beschreibt. Mit „Die Atempause“ (1963), einem zweiten autobiographischen Text, setzt Primo Levi diese Erinnerungen fort. Sein 1975 veröffentlichtes Buch „Das periodische System“, eine Sammlung autobiografischer Kurzgeschichten, wurde 2006 von der britischen Royal Institution zum „besten populären Wissenschaftsbuch aller Zeiten“ gekürt. Es folgen „Der Ringschlüssel“ (1978), „Wann, wenn nicht jetzt?“ (1982), „Die Untergegangenen und die Geretteten“ (1986) und „Das Maß der Schönheit“ (1997).

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“

Die Pflicht, Zeugnis abzulegen trieb den Holocaustüberlebenden Primo Levi zeit seines Lebens um. Einfach hat er es sich dabei nie gemacht. Am 11. April 1987 verstarb Primo Levi in Turin.

In Weißensee trägt ein Gymnasium seit 2007 seinen Namen. Im Schuljahr 2019/2020 wird mit einer Reihe kleinerer und mittelgroßer Veranstaltungen im Rahmen der sogenannten Primo Tage an den Namensgeber erinnert. Zum Programm >>>

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