9. November – Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome aufrechterhalten

31. Oktober 2019

Den Opfern der Pogrome von 1938 gilt ein gemeinsames ehrendes Gedenken in Lichtenberg am Samstag, 9. November 2019, ab 12.00 Uhr am Gedenkstein Konrad-Wolf-Straße 91.

Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) wird eine Gedenkrede halten und mit Mitgliedern der Bezirksverordnetenversammlung sowie Gästen Gebinde niederlegen. Musikalisch begleitet Olaf Ruhl die Gedenkveranstaltung.

Michael Grunst lädt die Bürgerinnen und Bürger zu diesem Anlass ein:
„Der 9. November ist ein Tag der Freude, der Erinnerung und des Gedenkens. Ich lade Berlinerinnen und Berliner ein, gemeinsam der Opfer von Hass, Hetze und Menschenfeindlichkeit zu gedenken. Tausende Mitbürger und Mitbürgerinnen jüdischen Glaubens wurden vor 81 Jahren misshandelt, verschleppt oder ermordet. Heute gilt es, wie eh und je, dieses Gedenken aufrechtzuerhalten. Gegen das Vergessen.“

Hintergrund zum Ort des Gedenkens: Die Jüdische Gemeinde in Hohenschönhausen war sehr klein. Als die Nationalsozialisten begannen Juden zu verfolgen, wandelten die Gemeindemitglieder ihren Betraum in der Konrad-Wolf-Straße in eine Synagoge um. Erst 1935 wurde sie geweiht. Bereits 1938 musste die Gemeinde ihre Tätigkeit wieder einstellen. Denn die Mitglieder der Gemeinde wurden – wie in ganz Deutschland und Europa – in Konzentrationslager deportiert. Nach 1945 war die Synagoge in Vergessenheit geraten. Erst mit den Forschungen zur jüdischen Geschichte, die in den 1990er Jahren mit der Ausstellung „Juden in Weißensee und Hohenschönhausen“ im damaligen Heimatmuseum an die Öffentlichkeit gelangten, kam auch die Synagoge wieder in Erinnerung. Im Zusammenhang mit dem einhundertsten Geburtstag von Victor Aronstein entstand die Broschüre „Juden in Hohenschönhausen. Eine Spurensuche“, mit der auf das jüdische Leben in Hohenschönhausen aufmerksam gemacht wurde. Zum 51. Jahrestag der Novemberpogrome entstand die Idee, an dem vergessenen Ort einen Gedenkstein zu errichten. Enthüllt wurde der Stein im Jahr 2000.

Quelle: Pressemitteilung des Bezirksamtes Lichtenberg vom 30.10.2019


 
Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn und der Vorsteher der BVV laden am Freitag, den 8. November, für 10 Uhr auf den Jüdischen Friedhof in der Herbert-Baum-Straße in Weißensee zu einem Stillen Gedenken an das Novemberpogrom von 1938 an der jüdischen Bevölkerung ein.


 
Bereits am Sonnabend, den 2. November, ab 10.00 Uhr, findet ein Stolpersteinrundgang durch Alt-Hohenschönhausen statt, verbunden mit einer Putzaktion und organisiert von der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke/Arbeitskreis Stolpersteine. – Treffpunkt: Konrad-Wolf-Str. 91/92 am Gedenkstein, Dauer: ca. 2 h

„Niemals werde ich ihn vergessen.“

8. Oktober 2019

„Wenn ich ein Künstler wäre, würde ich aus dem Gedächtnis ein Porträt von Erich Boltze zeichnen. Ich sehe ihn oft deutlich vor mir. Niemals werde ich ihn vergessen. […] Dort, in den Lagern des Todes, habe ich verstanden, dass der Faschismus auch Deutschland nicht besiegen kann.“

Mithäftling Pjotr Schtschukin

 
Erich Richard Adolf Boltze wurde am 2. September 1905 in Weißensee – damals noch „bei Berlin“ in eine Arbeiterfamilie hineingeboren. Seine Eltern bewohnten in der Pisstoriusstraße 28 eine Kellerwohnung, wo er mit drei Geschwistern aufwuchs. Er besuchte die Volksschule und erlernte danach das Tischlerhandwerk. Nach der dreieinhalbjährigen Lehrzeit war er bis 1926 in verschiedenen Berliner Betrieben als Tischler tätig. Von 1926 bis 1929 arbeitete er als Kassenbote bei der Generalvertretung der Finanzen der Sowjetunion in Berlin und nach einjähriger Arbeitslosigkeit dann (bis 1932) als Bürobote bei der SOJUSJOL GmbH. Von 1932 bis Anfang 1934 war er Bürobote in der Handelsvertretung der UdSSR und ab Februar 1934 bis November 1936 Kontorist (kaufmännischer Angestellter) in deren Botschaft. Diese Arbeit musste Erich Boltze im Zusammenhang mit seiner illegalen Tätigkeit aufgeben. Danach arbeitete er bis zu seiner Festnahme durch die Gestapo in verschiedenen Berliner Betrieben wieder als Tischler.

Erich Boltze wurde 1919 Mitglied der Freien Sozialistischen Jugend, die sich zu einer kommunistischen Jugendorganisation entwickelt hatte (ab September 1920: Kommunistische Jugend Deutschlands). Bis 1927 übte Erich Boltze verschiedene Funktionen im Kommunistischen Jugendverband im Arbeiterbezirk Wedding aus (Unterkassierer, Gruppenleiter, Schulungsleiter). Gewerkschaftlich war er seit 1920 im Deutschen Holzarbeiter-Verband organisiert. 1925 wurde er Mitglied der KPD; er war Schulungsleiter im KPD-Unterbezirk Berlin-Nord. Erich Boltze war Mitglied der Roten Hilfe Deutschlands, des Verbandes proletarischer Freidenker (VpF) und des Arbeitersportvereins „Fichte“ (Abteilung Kanusport). Nach 1933 arbeitete er illegal in Berlin-Neukölln.

Am 21. September 1937 wurde Erich Boltze wegen seiner Tätigkeit in der verbotenen KPD verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es: „Am schwersten von den Angeklagten zu bestrafen war der Angeklagte Boltze. Er war und ist überzeugter Anhänger des Kommunismus und ist anscheinend nicht gewillt, sich umzustellen.“ Seine konsequente Haltung und sein offenes Bekenntnis zum Kommunismus vor Gericht und während der Haftzeit trugen dazu bei, dass er nach Verbüßung der Haft nicht entlassen wurde, sondern in das Konzentrationslager Sachsenhausen kam. Auch im Lager leistete er illegale Arbeit. Seine Tätigkeit in der Schreibstube nutzt er, um Mitgefangenen ihr schweres Los zu erleichtern. Er organisierte im Lager marxistische Schulungszirkel und kümmerte sich besonders um die ausländischen Häftlinge.

Am Abend des 11. Oktober 1944 wurden Erich Boltze und weitere dreiundzwanzig deutsche sowie drei französische Antifaschisten wegen „versuchter Meuterei und Aufwiegelung“ von einem SS-Kommando des Lagers in der „Station Z“ erschossen. Hintergrund der Morde waren eine Rundfunk-Abhörstelle und im Lager hergestellte Flugblätter, die am 27. März 1944 von der SS in Sachsenhausen entdeckt wurden. Danach begann eine Sonderabteilung des NS-Reichssicherheitshauptamtes mit Untersuchungen, um die internationale Widerstandsorganisation im Lager zu zerschlagen. Nach mehrmonatigen Ermittlungen und trotz des Einsatzes von Spitzeln gelang der Kommission aber nur der Nachweis, dass von deutschen Kommunisten eine Solidaritätsaktion unter den Häftlingen organisiert wurde.

Stolpersteingruppe Weißensee gegründet

25. September 2019

Im Ortsteil Weißensee hat sich jetzt eine Stolpersteingruppe neu gegründet und trifft sich ab sofort an jedem 1. Mittwoch im Monat, um 18.00 Uhr im Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde, Mirbachplatz 2, 13086 Berlin, die hierfür die Räume zur Verfügung stellt.

In Weißensee gibt es inzwischen mehrere Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig in Gehwegen vor Wohnhäusern. Die Stolperstein-Gruppe will Ansprechpartner für alle sein, die Patenschaften für diese und künftige Stolpersteine übernehmen, sie pflegen oder sich mit Biographien von früheren Hausbewohnern beschäftigen möchten.

Am Mittwoch, dem 2. Oktober 2019, um 18.00 Uhr findet das nächste Treffen der Stolpersteingruppe Weißensee statt, wo es um Absprachen für die nächsten Schritte und kleineren ersten Aktivitäten für 2019 gehen wird. Jeder, der am Thema ein Interesse hat kann einfach vorbeikommen und sich einbringen.

Jürgen Kuczynski (17.09.1904 – 06.08.1997)

14. September 2019

Viele kennen ihn als außerordentlich produktiven Wirtschaftswissenschaftler und Historiker, mehrfach nominiert für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (zuletzt 1988), als »letzten Universalgelehrten der deutschen Sozialwissenschaften«, als Weltenbürger, bekennenden Marxisten, »hoffnungslosen Optimisten und linientreuen Dissidenten« (Selbstbeschreibung), als streitbaren Denker, Briefeschreiber an seine Urenkel und Autoren witziger Anekdoten, auch als Politiker und »Deutschen jüdischer Herkunft« – Jürgen Kuczynski (17.09.1904 – 06.08.1997). Vergleichsweise selten wird über ihn als einen Antifaschisten gesprochen.

Seine wissenschaftliche und publizistische Arbeit während der Weimarer Republik war eng mit dem auf die Verhinderung des Faschismus und eines neuen Krieges gerichteten politischen Kampf der KPD verbunden, deren Mitglied er 1930 geworden war. Er arbeitete in deren Informationsabteilung und als Redakteur der »Roten Fahne«, half antifaschistische Demonstrationen zu organisieren, erarbeitete wirtschaftspolitische Analysen, auch für die sowjetische Botschaft.

J. K. und seine Frau entschlossen sich im Februar/ März 1933, den Eltern nicht in die Emigration zu folgen, sondern sich am antifaschistischen Widerstand in Deutschland zu beteiligen. Es folgten fast drei Jahre zunächst noch legaler, dann illegaler Arbeit, angefüllt mit analytischer Arbeit zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Lande für die Reichsleitung der KPD, sowjetische Institutionen und eigene Veröffentlichungen, mit der Herstellung von Propagandamaterial, dem Verfassen von Zeitungsartikeln, immer wieder bedroht von Hausdurchsuchungen und Inhaftierung. In diese Zeit fiel aber auch eine Reise in die Sowjetunion (1935), die bestehende wissenschaftliche und politische Kontakte zu sowjetischen Institutionen vertiefen half.

Schließlich wurde im Januar 1936 eine Emigration unumgänglich. Das Ziel: England. Hier setzte J.K. seine antifaschistische Arbeit unmittelbar fort. Als Politischer Leiter organisierte er den Zusammenhalt und die Arbeit der Genossen vor Ort, unterhielt regelmäßige Kontakte zur Parteiführung in Paris, traf sich dort auch mit anderen deutschen Emigranten zum Gedankenaustausch. Als international bereits bekannter Wissenschaftler war es ihm möglich, im Rahmen der Volksfrontpolitik Verbindungen zu sozialdemokratischen Gruppen in England, Gewerkschaftsorganisationen, der aus Vertretern unterschiedlicher bürgerlicher Schichten gebildeten »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler« und dem von der Kommunistischen Partei initiierten, aber überparteilich wirkenden »Freien Deutschen Kulturbund«, einer Vereinigung emigrierter Kunstschaffender, herzustellen und auch deren Arbeit publizistisch und durch Vorträge zu unterstützen.

Kuczynski arbeitete für den Freiheitssender 29,8, für den er dank seiner internationalen Kontakte auch finanzielle Mittel beschaffte. Er unterstützte politisch die Gruppe um Winston Churchill, die im Unterschied zu anderen Interessengruppen innerhalb der englischen herrschenden Klasse konträr zum Hitler-Regime stand. Nach Ausbruch des Krieges interniert, führte er auch unter diesen Bedingungen seine politische Arbeit unter den internierten deutschen Nazi-Anhängern fort. Er kam durch Intervention amerikanischer Prominenter frei.

1942 meldete sich der als »Atom-Spion« bekanntgewordene Klaus Fuchs aus der Schweiz kommend bei Kuczynski und berichtete von der Arbeit an der neuen verheerenden Waffe. J.K. stellte daraufhin den Kontakt zu seiner Schwester (Ruth Werner) her, die für den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion arbeitete.

Ende 1944 zog die US-Regierung pragmatisch Experten zusammen, unabhängig von deren politischen Bekenntnissen. Das KPD-Mitglied -Kuczynski landete so im Range eines Oberst beim United States Strategic Bombing Survey, beauftragt mit der Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen der alliierten Bombenangriffe und der Aufklärung der Rüstungsproduktion Deutschlands, unter anderem durch Sicherstellung entsprechender Dokumente in Deutschland, wo er noch vor Kriegsende zum Einsatz kam. In Heidelberg nahm er persönlich den I.G.-Farben-Chef Hermann Schmitz fest.

Nach der Befreiung beteiligte sich J.K. sofort am antifaschistischen Wiederaufbau – im Juli 1945 hatte ihn der Chef der SMAD zum Präsidenten der Zentralverwaltung für Finanzen ernannt (wovon er auf der Rückfahrt nach London über den Berliner Rundfunk erfuhr).

Für den Nebenkläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1964, F. K. Kaul, erarbeitete J.K. ein Gutachten über das Zusammenwirken von SS und I.G. Farben beim Aufbau und Betrieb dieses Massenvernichtungslagers und die treibende Rolle des Chemiekonzerns. Das Gutachten wurde seinerzeit mit der Begründung nicht zugelassen, als »von der Sowjetischen Besatzungszone bezahlter Professor« bewege er sich innerhalb der »Grundsätze der kommunistischen SED«, seine wissenschaftliche Methode sei für die Bundesrepublik suspekt.

Viele seiner Bücher und anderen Publikationen unterschrieb er mit einem Hinweis auf seinen Wohnort: Berlin-Weißensee, Parkstraße 94. Dort lebte und arbeitete er seit 1950 bis zu seinem Tode. Und dort in der Nähe trägt dank des beharrlichen Ringens einer Bürgerinitiative unter Beteiligung der VVN-BdA, ehemaliger Schüler, Mitarbeiter und Wissenschaftskollegen seit 2015 eine kleine Parkanlage seinen Namen,

Text erschienen in „antifa“ September/Oktober 2014

Der zweite Sonntag im September – „Tag der Opfer des Faschismus“

3. September 2019

Gedenkstein_Friedhof_RoelckestraßeAls 1945 die Jahrestage der Ermordung Ernst Thälmanns, Rudolf Breitscheids und der Widerstandskämpfer des 20. Juli bevorstanden, ergriffen ehemalige politische Häftlinge die Initiative zur Begründung eines Gedenktages. Aus diesem Anlass wandte sich der Berliner »Hauptausschuss Opfer des Faschismus« am 3. August 1945 an den Oberbürger-
meister Dr. Arthur Werner. Der Berliner Magistrat nahm sich dieses Anliegens an und rief erstmals für den 9. September 1945 zum »Tag der Opfer des Faschismus« auf. Es war der DER ZWEITE SONNTAG IM SEPTEMBER. Eine Tradition war begründet, nach 1989 fortgeführt mit dem Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung (zu seiner Geschichte hier entlang).

Wir treffen uns bereits am
Freitag, dem 6. September, 17.30 Uhr
zu unserem traditionellen kleinen
Gedenkmeeting,
diesmal
am Gedenkstein für Frieda Seidlitz, Berthold Manzke und Else Jahn
auf dem Städtischen Friedhof Weißensee
,
Eingang Roelckestraße 48-51, 13086 Berlin

Bringt Blumen mit.

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